Ist Kohle die einzige Motivation für einen Job

Dieses Thema im Forum "Allgemeine Diskussionen" wurde erstellt von reini5555, 16. September 2014.

  1. reini5555

    reini5555 Urgestein

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    So nach dem Meister hab ich einen gut bezahlten Job angenommen, welcher eben den Modebegriff " Mitarbeiterverantwortung" enthält.
    Ein Unternehmen das Deutschlandweit ca 8000 Mitarbeiter hat, und ich habe als Projektleiter eine "schöne" Baustelle, 50 Leiharbeiter ein kompletter Neubau, von Trafos aus dem Mittelspannungsnetz bis zu TK und IT ist alles dabei. Über Kohle spricht man bekanntlich nicht, es hört sich nach viel an, aber jetzt saß ich noch zu Hause im Büro, Einsatzplanung für morgen.
    Irgendwie habe ich nach drei Wochen, fast schon sprichwörtlich die Schnauze voll, Werkstrottel von Sie machen die TK, aber leider nicht so wie auf dem Papier, denen verweigere ich die Abnahme nach VOB.
    Ein Chaos, BGV ist für die auf der Baustelle ein Fremdwort, die Elektriker pfuschen mit mangelhaften Werkzeug, ich wollte schon letzte Woche ein Protokoll über die Datenleitungen auf dem Schreibtisch haben, bis heute hab ich noch nichts.
    Ach auch die VDE Erstinbetriebnahme Messungen, Fehlanzeige, jede Firma macht was sie will, ganz zu schweigen, was unsere Firma an "Fachkräften" im Mittelspannungsnetz mir zur Verfügung stellt, sind ja nur 20 KV, was da auf der Leitung ist, da braucht man ja keinen Respekt vor dem bisschen an Spannung zu haben.
    Heute Abend habe ich den Kotzabend, nein irgendwie habe ich meinen Chef gerade eine Mail gesendet, und solche Zustände angeprangert, die IT Spezis aus der Firma sind die Trottel überhaupt, ja gut ich wusste ja wenn man sich mit ITlern einlässt ist es nicht einfach.
    Schlichtweg komme ich mir ein wenig auf verlorenem Posten vor, wenn sich nicht ändert dann brauche ich keine 5.500 Schmerzensgeld im Monat, wie kann man das aushalten?
     
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  3. telthies

    telthies Urgestein

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    Wenn Kohle die einzige Motivation wäre, hätte ich schon so manchen Job schmeißen müssen. Ohne höhere Werte - die in manchen Situationen und an manchen Orten allerdings auch besten Willens höchst schwer zu finden sind - kann man Vieles gleich bleiben lassen. Kohle ist wichtig, aber der Teil den man nicht direkt braucht hat außer Inflation nicht viel zu erwarten - das geht Freude oder einem "höheren Zweck" (wie z.B. als Belegschaft gemeinsam durch gute Arbeit einander gegenseitig die Arbeitsplätze bestmöglich zu sichern) anders.

    Manche Zeitgenossen sehen den Gesellenbrief - so sie denn nichts "weiter" werden wollen - als Pfuschgenehmigung, so nach dem Motto, die Prüfung ist geschafft, jetzt kann der Schlendrian fröhliche Urständ´ feiern. Das ist für Einen, der gerade hoch motiviert aus dem Meisterkurs kommt - wobei die Nachholer meist "schlimmer" sind als Die, die das in jüngeren Jahren noch angehängt haben - gewiß schwer verdaulich.

    Arbeitssicherheit gilt am Bau gerne als Weiberkram, auch das ist nichts neues. Mitarbeiterverantwortung ist praktisch nur tragbar, wenn man auch der Disziplinarvorgesetzte ist. Und als solcher muß man leider manchmal erst schmerzlich lernen, daß es wohl nur so geht: in allen Aspekten (Unpünktlichkeit, kein Aufräumen des Arbeitsplatzes, Vorschriftenignoranz etc.) den jeweiligen Oberkasper herauspicken und demonstrativ abwatschen: Zusammenscheißen, Derblecken, Abmahnen, Abnahmen verweigern, immer mit dem Mantra: "das üben wir jetzt, bis es klappt". Hört sich hart an, ist aber so. Immer eine bis zwei Wochen ruhig schauen, ob man zufällig ein Paradies erwischt hat und ob Mängel einzelne Ausrutscher sind, und dann wenn nicht: erbarmungslos volles Programm Zug in die Truppe bringen. Leider gibt es wohl in manchen Bereichen keine Poliere mehr, da muß / darf :) man das als Bauleiter alles alleine machen ...
     
  4. reini5555

    reini5555 Urgestein

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    Das ist eben mein Problem, viele der Arbeiter sind von anderen Firmen, also kann ich nur über deren Chef mich beschweren, Anweisungen kann ich zwar geben, aber mach das mal bei "ich wisse schon, was ich mach" .

    So jetzt muss ich dann los, vor den anderen da sein, und Bestandsaufnahme machen, einziger Vorteil, das ich Abends früher nach Hause fahre, und die Arbeit im Homeoffice erledigen kann.
     
  5. mikebatt

    mikebatt Schon ein paar Mal da gewesen

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    Kohle ist immer noch besser, als für schöne Worte zu arbeiten. ;D
     
  6. reini5555

    reini5555 Urgestein

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    Hallo Mike,
    bestimmt ist es wichtig seinen Lebensunterhalt zu sichern, nur muss eben jeder wissen, ob er für mehr Kohle sein Gewissen auf Eis legt.
    Nach jetzt 6 Wochen im neuen Job, wurde ein Teil des Projektes an den Bauherren übergeben. Die mängelfreie Übergabe bringt zwar wieder einen Bonus.
    Jedoch zählt eben das Familienleben auch, und das leidet im Moment eben. Ich bin um 6:45 Uhr auf der Baustelle und plane voraus, um 16:00 Uhr fahre ich nach Hause, und denke dann, was erwartet mich morgen, wenn ich die Arbeit begutachte, die Firmen arbeiten ja zum Teil bis 18:00 Uhr. Am Freitag gehe ich um 11 Uhr weg, hätte Feierabend, aber am Samstag mache ich eine Motorradtour, nicht in die Berge, sondern kurz mal dort zu schauen, was dort gearbeitet wird.
    Macht alles auf Dauer auch keinen Spaß.
     
  7. Münnich

    Münnich Beginner

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    Hallo, es ist nicht direkt Arbeit aber ich betreibe mit wenigen Euro den Forexhandel (http://www.forexhandel24.net/). Hierbei geht es mir jedoch um den Nervenkitzel. Nebenbei bin ich noch in Interessensgruppen aktiv und zahle vieles dafür selber, um es machen zu können. Arbeit ist ein weit aufgestelltes Wort!
     
  8. reini5555

    reini5555 Urgestein

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    So nach der dritten Baustelle mit Chaos habe ich am Montag fristgerecht in der Probezeit meine Kündigung eingereicht. Mir ist es ein Rätzel wie eine Bundesweit agierendes Unternehmen welche vom Schwachstrom bis Hochspannung alles macht, so existieren kann. Vielleicht ist es auch nur in der Niederlassung wo ich war so.
    Ist irgenwie schon ein befreiendes Erlebnis, weg von all dem Stress, man kann gar nicht glauben wie man sich gefühlt hatte. Nun will mein AG noch die Überstunden nicht anerkennen, da er meint leitende Angestellte haben keine Anspruch darauf, macht nichts ich hab mir jetzt bis Januar selbst frei gegeben. Die paar Kröten sind es nicht wert noch eine Woche dort zu arbeiten, man kann sich auch gerne vor dem Arbeitsgericht wiedersehen, war mein letzter Spruch am Telefon mit dem Personalchef.

    Gestern habe ich den neuen Angestelltenvertrag unterschrieben, mein Wunscharbeitgeber erweitert ab Januar um eine weitere Stelle als Elektrofachplaner sein Ing Büro, und mein Schwerpunkt neben Niederspannung wird die Schwachstromschiene werden. Vor allem was ich richtig cool finde, vom EFH Bauer bis zu den drei Premium Autoherstellern gehört allen zu deren Kundenkreis.
    Jetzt kann ich auch sagen, Kohle ist nicht alles, ein bisschen weniger kann auch mehr sein.
     
  9. Koppelfeld

    Koppelfeld Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.

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    Also, ich wünsche Dir ja alles Gute im neuen Job, nur drängt sich mir der Verdacht auf, daß Du den letzten Job nicht so gemacht hast wie vom Arbeitgeber gewünscht.

    Vorschriften, VBG und so, sind mittlerweile so albern und weltfremd, daß die sowieso keiner mehr einhalten kann, beim besten Willen nicht.
    Ganz im Gegenteil, wenn man alle Vorschriften einhalten will, funktioniert eine komplexe Anlage hinterher nicht.

    Dein Job wäre es u. U. gewesen, für den Auftraggeber so zu tun "als ob", da gibt es Teflon-Genies, die das richtig gut können und dann tatsächlich auch ihre superengen Termine einhalten - notfalls durch Schmieren der Abnahmekommission.

    Für Qualität und ausgebildete Leute ist heute keine Zeit mehr, dafür haben die "QM"-Normen gesorgt.
    Der Preiskampf ist mörderisch.
    Der Job des Projektleiters einer Großbaustelle ist ein Höllenfahrtsjob, ich habe mich seinerzeit gewundert, daß Du den annahmst.

    Gerade bei den "Großen" wird unglaublich gepfuscht, vor zwei Jahren mußte ich eine mehrere Millionen teure IBM - Installation begutachten, die leistungsmäßig keinen töten Hering vom Teller zog. Der Kunde hatte bereits alle möglichen "Koryphäen" eingeflogen, jeder sonderte auf dutzenden von Seiten unglaubliche Scheiße ab.
    Ich habe da keine drei Minuten drübergeguckt, I/O langweilte sich zu Tode, alle CPUs im Leerlauf, Karre stand trotzdem. Na, was konnte es wohl sein? Klar, der Netzwerk-I/O.
    Die Idioten hatten das entscheidende Netzwerkinterface auf 10MBit/Halbduplex stehen. Jeder Mensch mit einem Funken Anstand im Leib aggregiert mindestens zwei Ethernet-Ports und legt die passend per LACP auf den Coreswitch auf. Das ist so ungefähr das Erste, was man macht, bevor man so einen Hobel produktiv nimmt. Erstes Lehrjahr sozusagen.
    Wie es bei der Telekom / T-Systems aussieht, weiß ich zur Genüge, bei Siemens wird das nicht viel anders sein.

    Aus meiner Erfahrung kann ich nur raten:
    Menschen wie Du und ich, denen das Ergebnis ihrer Arbeit nicht scheißegal ist, sollten möglichst die Finger von Großprojekten lassen.
    Allein schon, weil der Gestaltungsspielraum fehlt. Du mußt in einem Team arbeiten, das Deine Wertevorstellungen teilt.

    Also viel Glück beim nächsten Versuch!
     
  10. reini5555

    reini5555 Urgestein

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    Nun jetzt schreibe ich Gefährdungsbeurteilungen, und ich lache darüber
    Man muss es mal selbst erleben, aber heute sage ich, entweder ich habe selbst einen Schraubendreher in der Hand, oder eben die Tastatur vom PC.

    Nun da ich seit Anfang Januar im neuen Job bin, jetzt habe ich Gestaltungsspielraum, und sogar meine nette Kollegen. Wir wechseln uns beim Kaffeeholen ab.
    Auf jeden Fall habe ich den Wechsel nicht bereut, heute war ich auch einer Chaosbaustelle, und dachte nur, ach der arme Projektleiter, ich plane und reklamiere die Ausführung, welche mit nicht passt.
    Ich bin bisher sehr zufrieden, auch wenn ich weis, das es nicht immer so easy Projekte geben wird.
     
  11. Maxima

    Maxima Beginner

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    Hi,

    ich denke dass es auf Dauer nicht Glücklich macht, wenn man seinen Beruf nur des Geldes wegen ausübt.

    LG
     
  12. itsme

    itsme Beginner

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    ...nicht die Einzige, aber schon eine Größere, ja! Ziehen jetzt in die Schweiz und das eigentlich aus dem Grund, dass die Lebensqualität dort m. E. ziemlich groß ist und glücklicherweise verdiene ich dort auch noch mehr, was aber nicht der Grund des Umzugs ist. Mir ging es dabei wirklich nur um das Land. Hätte ich weniger verdient, wäre ich auch umgezogen. Habe eine kleine Familie und vor ein paar Wochen haben wir jetzt über [Edit telthies: Link entfernt] unsere Hypothek bekommen, womit dem Bau unseres Hauses jetzt nichts mehr im Weg steht.
     

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